Kranke Firmen kaufen, gesund pflegen, gewinnbringend verkaufen: Das Geschäftsmodell von Mutares bringt Anlegern rund 7,7 % Dividendenrendite. Wie die Firmenklinik funktioniert und wo die Risiken liegen.
Wer bei verlässlichen Ausschüttungen nur an Standardwerte wie BASF oder Allianz denkt, verpasst eines der spannendsten Dividendeninvestments im deutschen Nebenwerteindex SDAX: Mutares. Die Münchner Beteiligungsgesellschaft kauft angeschlagene Unternehmensteile von Großkonzernen, päppelt sie wieder auf – und verspricht ihren Aktionären dabei eine feste Mindestdividende von zwei Euro je Aktie. Wie das im Detail funktioniert, erklären wir hier Schritt für Schritt.
Der Pretty-Woman-Effekt fürs Depot
Das Geschäftsmodell von Mutares erinnert ein wenig an den Film „Pretty Woman“. Geschäftsmann Edward Lewis, gespielt von Richard Gere, kauft darin Firmen in finanziellen Nöten auf, um sie in Einzelteile zu zerlegen und gewinnbringend weiterzuverkaufen. Im Film zeigt er sich – Julia Roberts sei Dank – am Ende jedoch geläutert: Statt eine Werft zu zerschlagen, hilft er, sie wieder aufzubauen. Genau das, was Gere alias Lewis am Ende des Films getan hat, macht Mutares im echten Wirtschaftsleben quasi im Dauerbetrieb: kranke Unternehmensteile aufkaufen und wieder gesund pflegen, statt sie auszuschlachten. Die Münchner Beteiligungsgesellschaft kauft gezielt die Sorgenkinder der Wirtschaft – Sparten und Tochterfirmen, die Großkonzerne loswerden wollen, weil sie Verluste schreiben oder nicht mehr zum Kerngeschäft passen. Zum Teil werden solche unliebsamen Unternehmensteile für den symbolischen Betrag von einem Euro erworben.
Was für andere Investoren ein unkalkulierbares Risiko wäre, ist für Mutares ein System mit drei Erlösstufen, wie Vorstandschef und Firmengründer Robin Laik kürzlich auf einer Investorenveranstaltung in Heidelberg erklärte: Man kaufe defizitäre Unternehmen, gehe sogar aktiv auf Konzerne zu und frage gezielt nach Problemsparten. Großkonzerne geben ihre unrentablen Geschäftsbereiche gerne an das SDAX-Unternehmen ab, weil es sich den Ruf erworben hat, effizienter zu arbeiten als jedes unübersichtliche Konglomerat. „Wir kriegen die Sanierung günstiger hin, als wenn die Konzerne es selber machen würden“, erklärt Laik. Die erste Erlösstufe sichert sich Mutares sofort durch Beratungsleistungen für den Verkäufer. Ist das Geschäft einmal saniert, folgt Stufe zwei: Die Tochterfirma erwirtschaftet wieder Gewinne, an denen die Mutares-Aktionäre über die Dividende beteiligt werden. Und läuft die Sanierung besonders gut, kommt es schließlich zu Stufe drei – dem sogenannten Exit. Das ist der gewinnbringende Weiterverkauf der aufpolierten Firma.
Von München aus die Welt erobern
Damit der Nachschub an Übernahmekandidaten nicht ausgeht, ist Mutares längst über Deutschland hinausgewachsen. Neben elf Büros in europäischen Ländern unterhält das Unternehmen inzwischen jeweils einen Standort in Schanghai, Mumbai und Chicago – und will die Erfolge, die in Europa gelingen, künftig auch in China, Indien und den USA wiederholen. Wie dieses Rezept in der Praxis funktioniert, zeigen konkrete Beispiele aus dem Portfolio. Ein Prunkstück ist der portugiesische Elektrotechnik- und Maschinenbauspezialist Efacec: Das operative Geschäft war nahezu zum Stillstand gekommen, nachdem die früheren Teilhaber den Konzern regelrecht ausgeplündert hatten. Um das systemrelevante Unternehmen vor dem Kollaps zu retten, wurde es zunächst verstaatlicht und schließlich an Mutares übergeben – inklusive einer finanziellen Mitgift für die Sanierung. Heute steht Efacec kurz vor einem möglichen Börsengang oder einem Verkauf im Milliardenbereich. Wie ein perfekter Exit aussieht, bewies Mutares im Oktober 2024 mit dem Börsengang des Spezialmotorenherstellers Steyr Motors.
Ganz frisch im Portfolio ist ein weiteres Beispiel: Ende Dezember 2025 einigte sich Mutares mit dem finnischen Technologiekonzern Wärtsilä auf die Übernahme von dessen Gassparte. Die Transaktion ist inzwischen abgeschlossen. Das heute als Nord Gas Solutions firmierende Unternehmen mit Sitz im norwegischen Asker ist auf Anlagen für den Umschlag und die Betankung von Flüssiggas spezialisiert – etwa für Gastanker oder Landterminals – und beschäftigt rund 500 Mitarbeiter an neun Standorten. Mutares-Investmentvorstand Johannes Laumann bezeichnet den Deal als weiteren Beleg dafür, dass sich das Unternehmen im Norden Europas als verlässlicher Partner für komplexe Konzernausgründungen etabliert habe.
7,7 Prozent Dividendenrendite
Die operative Stärke spiegelt sich in den Zahlen wider. Das abgelaufene Geschäftsjahr schloss die Holding mit einem Nettogewinn von 130 Millionen Euro ab. Fürs laufende Jahr legt das Management die Messlatte deutlich höher: Erwartet wird ein Nettoergebnis zwischen 160 und 200 Millionen Euro, wobei das untere Ende der Spanne nach Worten Laiks bereits in trockenen Tüchern ist. Diese Gewinndynamik ist die Basis für das wichtigste Versprechen der Aktie: eine Mindestdividende von 2,00 Euro je Aktie, die das Management seit 2023 als feste Strategie ausgegeben hat. Beim aktuellen Kurs von rund 26 Euro errechnet sich daraus eine Rendite von 7,7 Prozent. Nach Abzug von Abgeltungsteuer und Soli – zusammen 26,375 Prozent – bleiben davon netto etwa 5,6 Prozent übrig. Doch das ist nicht das Ende der Fahnenstange. Analysten gehen davon aus, dass die Dividende fürs Geschäftsjahr 2027, die nach der Hauptversammlung Mitte 2028 ausgeschüttet wird, sogar auf 2,25 Euro steigt.
Wichtig für Börsenneulinge: „Mindestdividende“ ist eine Selbstverpflichtung des Managements, keine rechtliche Garantie. Wie bei jeder deutschen Aktiengesellschaft braucht es dafür jedes Jahr zwei Dinge: einen ausreichenden Bilanzgewinn im Einzelabschluss der Holding nach deutschem Handelsrecht und einen zustimmenden Beschluss der Hauptversammlung. Bleiben die Sanierungserfolge einmal aus oder gerät die Holding selbst in eine Verlustphase, könnte die Ausschüttung ausfallen oder gekürzt werden – auch wenn das Management genau das mit allem Nachdruck vermeiden will.
Die Bösewichte von Gotham City
Trotz all der guten Nachrichten sollten Anleger zwei Dinge nicht vergessen. Erstens: Mutares bleibt trotz eines milliardenschweren Konzernumsatzes ein Nebenwert mit entsprechend starken Kursschwankungen. Die Aktie eignet sich deshalb eher als Beimischung für ein breiter gestreutes Depot, nicht als alleiniger Baustein der Altersvorsorge. Zweitens gab es im September 2024 durchaus kritische Stimmen: Der Analysedienst Gotham City Research veröffentlichte einen Bericht, der unter anderem Zweifel an der Nachhaltigkeit des schnellen internationalen Wachstums und an früheren Geschäften mit nahestehenden Personen äußerte. Mutares wies die Vorwürfe entschieden zurück, warf über 200 Millionen Euro Nettoerlöse aus erfolgreichen Exits in die Waagschale und korrigierte einen von Gotham City aufgedeckten Zahlendreher in der eigenen Kapitalflussrechnung. Wer investiert, sollte solche Kontroversen im Hinterkopf behalten – auch wenn sie das Fundament der Börsenstory bislang nicht erschüttern konnten und Gotham City Research vor allem eine Klientel bedient, die auf fallende Kurse wettet (sogenannte Leerverkäufer oder Shortseller).
Gegen Mutares zu wetten, ist bei Betrachtung der börsenrelevanten Kennzahlen keine gute Idee. Die sogenannte Marktkapitalisierung, also der Wert aller Aktien zusammengerechnet, liegt bei 640 Millionen Euro, also bei nur etwa einem Zehntel des Umsatzes von 6,5 Milliarden Euro, den das Unternehmen im Jahr 2025 erwirtschaftet hat. Das sogenannte Kurs-Umsatz-Verhältnis liegt damit bei 0,1 – schon Werte unter eins signalisieren in aller Regel eine Unterbewertung. Selbst wenn der Umsatz schwankt und beim Nettogewinn nur das untere Ende der von Vorstandschef Laik genannten Spanne von 160 bis 200 Millionen Euro erreicht wird, liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis (kurz KGV) bei vier. Auch hier deuten Werte unter zehn auf eine sehr günstige Aktie hin. Zu guter Letzt verfügt das Unternehmen zum Jahresende 2025 über 567 Millionen Euro Eigenkapital (an der Börse auch als Buchwert bezeichnet). Daraus errechnet sich ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von 1,1, was ebenfalls als günstig gilt. Allerdings berücksichtigt diese Kennzahl nicht die Schulden, die laut Schätzungen von Analysten am Jahresende bei 1,16 Milliarden Euro liegen werden. Das klingt nach viel, doch die Experten erwarten bis Silvester auch einen Anstieg des Eigenkapitals auf 1,33 Milliarden Euro, was die Schulden dann wieder übersteigt. Bleibt die Frage, wie viel vom Umsatz und Gewinn am Ende tatsächlich in der Kasse landet. Den Geldzufluss bezeichnet man in der Fachsprache als Free Cashflow – und auch der kann wegen des Geschäftsmodells von Jahr zu Jahr stark schwanken. Gelingt es Mutares, marode Firmen günstig einzukaufen, zu sanieren und teuer weiterzuverkaufen, füllt sich die Kasse. Bleiben die Exits aus, herrscht dort Ebbe und die Mindestdividende muss aus Rücklagen oder durch neue Schulden finanziert werden.
Aktie oder Anleihe?
Für hohes Risiko sprechen zudem die beiden Anleihen, die Mutares in den Jahren 2023 und 2024 emittiert hat: Die Zinskupons dieser Schuldverschreibungen sind mit 11,094 beziehungsweise 8,883 Prozent ungewöhnlich hoch. Das spricht für eine geringe Kreditwürdigkeit des Unternehmens und entsprechend hohe Kapitalkosten. Die Rendite der Anleihen ist ebenfalls äußerst attraktiv. Die Zinskupons übersteigen sogar die Dividendenrendite der Aktie. Zudem fließen die Zinszahlungen vierteljährlich. Im Fall der älteren Anleihe allerdings nicht mehr lange: Sie soll bereits am 31. März 2027 zurückbezahlt werden. Da der Kurs über 100 Prozent notiert, ergibt sich für die Restlaufzeit eine effektive Rendite von etwa vier Prozent (aufs Jahr hochgerechnet wären es deutlich über acht Prozent, aber die Anleihe läuft eben kein ganzes Jahr mehr). Anleihen werden anders als Aktien an der Börse nicht in Euro, sondern in Prozent gehandelt. Der Nominalwert – die Mindestinvestitionssumme – beträgt 1.000 Euro. Multipliziert mit dem aktuellen Angebotskurs von 101,25 Prozent beträgt der Kaufpreis für eine Anleihe also 1.012,50 Euro. Hinzu kommen noch die seit der letzten Ausschüttung aufgelaufenen Stückzinsen und die Ordergebühren, die je nach Bank variieren.
Die jüngere Anleihe hat eine Laufzeit bis zum 19. September 2029, also noch knapp drei Jahre. Sie notiert aktuell bei 104,30 Prozent, woraus sich eine Effektivrendite von etwa 7,5 Prozent errechnet, also unterm Strich etwas weniger, als die Aktie abwirft. Insofern könnte es sich langfristig mehr lohnen, die Aktie von Mutares zu kaufen statt der Zinspapiere. Die Anleihekurse von mehr als 100 Prozent sind einwichtiges Signal für Aktionäre. Denn sie zeigen, dass der Markt die Rückzahlung der Anleihen aktuell nicht als gefährdet ansieht. Mehr noch: Da der Kurs heute höher steht als zum Zeitpunkt der Emission der Anleihen, ist im Umkehrschluss nicht nur die Rendite, sondern auch das Risiko gesunken. Eine Pleite des Unternehmens, die sowohl die Aktien- als auch die Anleihekurse Richtung null schicken würde, ist demnach nicht zu erwarten. Dennoch ist das Risiko nicht ohne, denn Unternehmen, die als hochgradig solide finanziert (Fachbegriff: bonitätsstark) eingestuft werden, müssen in der Regel nur Zinskupons um die vier Prozent für ihre Anleihen bieten.
Fahrrad statt Statussymbol
Ob Aktie oder Anleihe – es bleibt dabei: Wer Mutares-Wertpapiere kauft, wird Miteigentümer oder Gläubiger eines aussichtsreichen, dividenden- und wachstumsstarken Unternehmens, das aber nur eines von vielen Investments im Vermögenskonzept von Anlegern sein sollte. Entsprechend zurückhaltend gibt sich das Management im Tagesgeschäft. Wie bodenständig die Führungsetage bei aller internationalen Größe geblieben ist, zeigt ein Bonmot von Unternehmenslenker Robin Laik: „Wenn wir mit dem Betriebsrat einer übernommenen Firma verhandeln, fahren wir nicht im Porsche oder mit der S-Klasse vor. Ich selbst komme am liebsten mit dem Fahrrad.“Damit hat Laik der glamourösen Filmwelt Hollywoods etwas voraus: Als Edward Lewis in „Pretty Woman“ notgedrungen auf den geliehenen Lotus Esprit seines Winkeladvokaten umsteigt, hat er sichtlich mit der Gangschaltung zu kämpfen. Der Mutares-Chef hingegen würgt auf seinem Drahtesel garantiert keinen Motor ab.
Steckbrief Mutares-Aktie
Wertpapierkennnummer (WKN): A2NB65
ISIN: DE000A2NB650
Kurs: 26,00 €
Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) 2026: 4,0
Dividende: 2,00 €
Dividendenrendite: 7,7 %
Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV): 0,1
Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV): 1,1
Risiko: Hoch
Maximaler Depotanteil: 5 %
Steckbrief Mutares-Anleihe 1
Wertpapierkennnummer (WKN): A30VT9
ISIN: NO0012530965
Kurs: 101,25 %
Laufzeit: 31.03.2027
Stückelung: 1.000 €
Zinskupon: 11,094 %
Rendite pro Jahr: 8,8 %
Zinszahlung: Vierteljährlich
Nächster Zinstermin: 30.12.2026
Risiko: Hoch
Steckbrief Mutares-Anleihe 2
Wertpapierkennnummer (WKN): A383QZ
ISIN: NO0013325407
Kurs: 104,30 %
Laufzeit: 19.09.2029
Stückelung: 1.000 €
Zinskupon: 8,883 %
Rendite pro Jahr: 7,5 %
Zinszahlung: Vierteljährlich
Nächster Zinstermin: 19.12.2026
Risiko: Hoch
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